Einstieg: 3 Beispiele

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Beispiel 2: Spielerischer Zugang mittels Rollenspiel

Beispiel aus der Praxis von Christian Hachen, Lehrer an einer 8. Klasse der Sekundarstufe; Mitglied des Projektteams Natur-Mensch-Mitwelt der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern, Ausbildung in Themenzentriertem Theater TZT * nach Heinrich Werthmüller

* TZT ist eingetragene Schutzmarke von H. Werthmüller SITZT Meilen Schweiz

Vorbemerkung zum Zugang «Rollenspiel»

Das Rollenspiel hat zwei sich beeinflussende Ebenen: den Schulstoff (Sachkompetenz) und die Beziehung zu den «anderen» (Selbst- und Sozialkompetenz). Einerseits fliesst beim Spielen das Vorwissen des Lernenden wie von selbst ein. Andererseits wird auch immer das Beziehungsgeflecht in der Gruppe sichtbar - und damit veränderbar.

Bei den Situationen handelt es sich um Ausgangslagen für kurze selbst gespielte Theaterszenen. Diese haben im Lernprozess eine besondere Funktion: Sie schaffen den Freiraum, damit sich die Schüler/innen im Lernfeld tummeln - ohne immer darauf bedacht zu sein, ob sie es jetzt schon «richtig» oder noch immer «falsch» machen. Der Grat, auf dem Lernende sonst häufig ängstlich wandern, indem sie lieber nichts sagen oder machen als etwas Falsches, wird dadurch zu einer komfortablen «Hochebene», auf der sie imitieren, experimentieren, spiegeln, Neues wagen - eben lernen - können.

Das Theaterspiel mit seiner Mischung von Fiktion und Realität schafft eine sinnvolle Laborsituation - ähnlich den Flugsimulatoren, wo Airline-Piloten lernen, ihre Maschinen in den Griff zu bekommen.

Vorspielen vor der Gruppe braucht ein Mass an Vertrauen in sich und die Zuschauenden. Es kann mit Einstiegen und guten Erfahrungen schrittweise aufgebaut werden. Bald werden die Szenen, rein schulstofflich betrachtet, «ergiebiger» ausfallen.

Hintergrundinformation: Heisser Stoff Aggression, TZT-Impulse, Nr. 1, Meilen 1993

Unterrichtsplanung

Grobziele:            

1. Den eigenen Umgang mit Gewalt, Aggression und Konflikten überdenken.

2 .Sich mit Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen und Nationen auseinandersetzen.

Inhalte:          

Situationen in der Klasse
Israel/Palästina

Lernziele:           

Du wirst auf deine Haltung gegenüber Mitschülerinnen aufmerksam, wenn du für dein Recht einstehst. Du kannst dich in eine Rolle einfühlen und mit deiner Gruppe ein situatives Rollenspiel gestalten.

Thema:         

Ich habe ein Recht auf diesen Platz, und ich möchte, dass du das (endlich) einsiehst.

Grundidee:            

Analogieprinzip: Geschehnisse auf geschichtlich-politischer Ebene haben Entsprechungen in den Vorgängen auf Gruppenebene («Wie im Grossen so im Kleinen»).

Zeit:                   

2 Lektionen (am besten eine Doppelstunde)

Unterrichtsverlauf

Spielerische Einstiege (E):

• Einen Besitzanspruch geltend machen

Nimm einen Gegenstand aus deiner Nähe, den du niemandem gerne für längere Zeit ausleihen möchtest. Erkläre dann deiner Pultnachbarin kurz weshalb.

• Seinen Stand halten / verlieren

2 Partner stehen sich gegenüber, die Hände flach gegeneinander haltend. Wer zuerst mit einem Teil seiner Fusssohlen den Bodenkontakt aufgibt, hat verloren.
Partnerwechsel.

• Sich durchsetzen / Seinen Platz verlieren

Sesseltanz (halbe oder ganze Klasse). Stuhlkreis mit einem Stuhl weniger als Teilnehmende. Bei Musikstopp setzt sich jeder Tn auf einen Stuhl. Pro Stuhl max. 1 Person. Wer keinen Stuhl mehr hat, scheidet aus. Wiederum einen Stuhl aus dem Kreis wegnehmen usw.

E beanspruchen / verzichten / siegen / verlieren

Kurzimprovisation zu zweit:

«Vor dem Einkaufszentrum fahren 2 Autofahrer kurz vor Ladenschluss auf einen eben frei gewordenen Parkplatz zu.» Spielt die Szene und die Fortsetzung davon.

Variante:

«Schlussverkauf in der Modeboutique: 2 Frauen wollen dasselbe Kleid kaufen.»

Gruppenbildung (G)

• Sich nach einem Kriterium zusammenfinden

Mögliche Gruppenbildung für die darauf folgende Spielsituation (S):

Jede zieht einen vorbereiteten Zettel, auf welchem ein Instrument notiert ist (Schlagzeug, Gitarre, Saxophon). Bildet 4er Gruppen, so dass bei jeder Gruppe 1 Gitarre, 1 Saxophon und 2 Schlagzeuge dabei sind.

Spielsituation (S): Rollenspiel in 4er Gruppen

Verteilt die Rollen und erspielt folgende Szene und die Fortsetzung davon:

«Schlagzeuger Charly (Cindy) Clever hat vor 1 Jahr seine Band für eine Weltreise verlassen. In der Folge haben die beiden verbliebenen Bandmitglieder Rocky (Reila) Champion und Sony (Sue) Stark ihren Bekannten   Tony (Tina) Tough als Schlagzeuger in die Band aufgenommen.

Nach seiner Rückkehr verlangt Charly Clever seinen Platz am Schlagzeug zurück.»

Zeit für die Vorbereitung: 10 -15 Minuten

Anschliessend spielen die Gruppen einander ihre Szenen vor.

Beobachtungsmöglichkeiten für die Lehrperson: Wie intensiv lassen sich die Spielenden auf den andern ein? Zeigen sie wenig/viel Interaktion? Wie lange dauert die Szene?

Reflexionsmöglichkeiten (R)

R1 In den Spielgruppen:

Konntest du so spielen, wie du es dir vorgenommen hast?

Wer sitzt am Schluss eurer Szene am Schlagzeug?

Mit welchem Recht?

Kurzaustausch

Reflexion des Gespielten

R2 Alle:

•  Tabelle an der Wandtafel (Szene/Schlagzeuger/Recht): Infos aus den Szenen aller Gruppen zusammentragen. «Wer fühlt sich am Schluss im Recht?»

•  Welche Lösungen findet ihr gerecht?

•  Überleitung vom Spiel zur Situation in der Klasse:
Selbsteinschätzung Skala 1-100: Wie sehr trifft die folgende Aussage auf dich selber zu? Notiere die entsprechende Punktzahl: «Wenn ich mich einem Klassenkollegen/in gegenüber im Recht fühle, dann versuche ich mich durchzusetzen.» (1 = trifft überhaupt nicht zu, 100 = trifft immer zu). Dann stehen alle entsprechend ihrer Punktzahl in eine Reihe ein, die sich dann zum Kreis schliesst; jede Sch. nennt ihre Zahl und einen Satz dazu.

•  Gruppen bilden für den folgenden Austausch in 4er Gruppen (Lehrperson zählt immer 2 Schüler/innen je von links und rechts von sich ab.)

•  Austausch zuerst in den 4er Gruppen:
Eigene Erfahrungen: Erzählt einander Situationen, wo
1. das Recht Einzelner respektiert wurde
2. du selber zu kurz gekommen bist? Was geht in dir vor, wenn du zu kurz kommst? (evtl. Austausch in Kleingruppe)

R3 Überleitung zum geschichtlich-politischen Ereignis:

Aktuelles Beispiel aus dem Weltgeschehen, wo Menschen zu kurz kommen:

Palästinenser/innen: «Das ist unser Land. Gebt es uns zurück!»

Israeli: «Das ist das Land, das uns Gott gegeben hat: Wir sind vertrieben worden. Es ist unser Recht zurückzukehren!»

Vorwissen der Schüler/innen zusammentragen.

 

Beispiel 3: Brief an einen Jugendlichen aus Israel bzw. Palästina

Nach einer Idee von Charly von Graffenried, Lehrer auf der Sekundarstufe, Bern; Mitglied des Projektteams Natur-Mensch-Mitwelt der Zentralstelle für Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung des Kantons Bern

Benötigtes Material

- Foto von Zusammenstössen zwischen palästinensischen Demonstranten und israelischen Soldaten  

- Text «Aaron und Hassan: zwei junge Männer - zwei Sichtweisen»,

beide in: Konflikte - Konfliktlösungen, Klassenmaterial, KM 85.5, schulverlag blmv, 1. Auflage 2004

Unterrichtsverlauf

Foto auf Folie auflegen (evtl. horizontal in 2 Teile schneiden und Bilder nacheinander auflegen); Schüler/innen beschreiben, äussern Vermutungen

Schüler/innen lesen die Texte und werten sie aus:

A) Mein Name ist Hassan, ich bin 21 Jahre alt.

So denke ich über Aaron:

 

Meine Gefühle:

 

Meine Ziele:

 

Ich bin im Recht, weil

 

B) Mein Name ist Aaron, ich bin 21 Jahre alt.

So denke ich über Hassan:

 

Meine Gefühle:

 

Meine Ziele:

 

Ich bin im Recht, weil

 

Auftrag

Schreibt den beiden einen Brief, beginnend mit folgendem Satz:

«Lieber Hassan, lieber Aaron,

ich habe eure Erklärung zum Konflikt zwischen euren Völkern gelesen...»

Der Entwurf wird am Ende der Unterrichtseinheit über den Konflikt zwischen Israel und Palästina wieder aufgenommen, verändert und ins Reine geschrieben.

Beispiele von Schülerinnen und Schülern

Die Briefe lassen sich durch Doppelklick gross betrachten und ausdrucken.

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