Die Schweizer Nationalhymne (Heft S. 2/3)

Gedanken zur Einleitung

Hehres Vaterland, hehres Liedgut

Am 1. August wird sie gesungen, am Eidgenössischen Buss- und Bettag sogar in der Kirche, kürzlich war sie im Nationalraatssaal zu hören, und täglich um 24 Uhr ertönt sie im Schweizer Radio (DRS 1): die Nationalhymne, bekannt auch als «Schweizerpsalm». Wer eine rechte Schweizerin sein will, ein rechter Schweizer, kennt ihn auswendig  – und zwar mehr als bloss die erste Strophe. So jedenfalls sollte es sein, so wünschten es sich unsere Grossväter – und nicht nur sie: In manchen Schulen gehört das Auswendiglernen des Schweizerpsalms auch im Jahr 2004 noch immer (oder vielmehr: wieder) zum Pflichtstoff.

Den «Neuen» wird viel abverlangt

Verlangte eine Gemeinde von einbürgerungswilligen Ausländerinnen und Ausländern, sie müssten die Nationalhymne auswendig singen können, so verlangte sie ihnen etwas ab, wozu die wenigsten eingesessenen Schweizerinnen und Schweizer fähig sind: Mehr als die erste Strophe oder auch nur die ersten Zeilen des Schweizerpsalms sind kaum jemandem geläufig, und ähnlich verhielte es sich wohl, befragte man Leute auf der Strasse nach den Namen sämtlicher Mitglieder von Bundesrat, Kantonsregierung oder Gemeinderat. In Winterthur, zum Beispiel, müsste wohl zahlreichen Schweizerinnen und Schweizern das Bürgerrecht aberkannt werden, gälten für sie dieselben Regeln wie für Ausländerinnen und Ausländer, die um Einbürgerung nachsuchen: Wer die Namen der Stadträtinnen und Stadträte nicht kennt und ihre Aufgaben nicht benennen kann, fällt durch, und das gilt auch für Prominente. Der 12-fache Kickbox-Weltmeister Azem Maksutaj zum Beispiel, der in Winterthur eine Kampfsportschule betreibt und erst kürzlich vom Winterthurer Stadtrat ehrenvoll empfangen worden war, stiess mit seinem Gesuch um Einbürgerung im März 2004 auf taube Ohren: Sein Gesuch wurde von der «Bürgerlichen Abteilung» des Gemeinderates (ihr gehören Parlamentsmitglieder mit Bürgerort Winterthur an) abgewiesen. Grund: Weltmeister Maksutaj («Ich kämpfe für Winterthur») hatte die 20-seitige Broschüre nicht auswendig gelernt, die Einbürgerungswilligen abgegeben wird, und wusste daher keine Antwort auf die Frage nach den Stadtrats-Mitgliedern und deren Aufgaben.

Ob er die Nationalhymne auswendig hätte singen können, geht aus den Berichten zum jüngsten Winterthurer Einbürgerungsentscheid nicht hervor. Sicher aber ist: Den Schweizerpsalm singen zu können, gilt in den Augen vieler aufrechter Schweizerinnen und Schweizer als Bürgerpflicht. Erst recht für Politikerinnen und Politiker, namentlich für Nationalratsmitglieder, wird sich der Nationalratspräsident (2004) Max Binder (SVP) gesagt haben, als er zum Auftakt der ersten Sitzung des neu gewählten Parlaments die Fahnen hissen und den Schweizerpsalm erschallen liess.

1x täglich – oder gar nicht mehr?

Hätte sich der Schweizer Demokrat Markus Ruf vor vierzehn Jahren im Parlament durchgesetzt, wäre die Nationalhymne heute nicht nur zu solch feierlicher Stunde im Parlament zu hören, sondern auf allen Kanälen von Radio und Fernsehen. Einmal täglich. Und nicht allein auf DRS1, sondern ebenso auf Virus, den Lokalradio-Kanälen und in den lokalen Fernsehprogrammen. Doch Markus Rufs Vorstoss blieb ohne Wirkung, Bundesrat und Nationalrat wiesen das Begehren ab.

Eine Qual wäre die tägliche Hymne wohl für die Ohren der Nationalrätin Margret Kiener Nellen gewesen: Sie bat den Bundesrat am 8. März 2004 in einem Vorstoss, «eine neue Landeshymne in allen Landessprachen erarbeiten zu lassen, die sich inhaltlich an den Grundwerten und Staatszielen der neuen Bundesverfassung vom 18. April 1999 – insbesondere am Gleichstellungsauftrag – orientiert».

Von Gott und den Männern

Die geltende Nationalhymne, so Kiener Nellen, stamme aus dem Jahr 1841 und sei überholt, zu «gebetsartig» («Schweizerpsalm»), gehe von einem männlichen, nationalen Gottesbild aus («Gott im hehren Vaterland») und spreche nur Männer an («Betet, freie Schweizer, betet!»). Wie die Nationalrätin schreibt, sei es «an der Zeit, für unser Land eine Landeshymne zu verfassen, die unserer Zeit, unserer Zukunftsperspektive sowie dem aus der Geschichte Gelernten entspricht». Die Gleichstellung von Frau und Mann sei dabei selbstverständlich zu berücksichtigen.

Wie sich Bundesrat und Parlament zu diesem für manche wohl «staatsfeindlichen» Vorstoss äussern werden, wird die Zukunft zeigen. Sollte dereinst tatsächlich ein neuer Text zu singen sein, bliebe den Gegnerinnen und Gegnern dieses Ansinnes immerhin ein Trost: «Die Beibehaltung der heutigen Melodie», heisst es im Antrag von Margret Kiener Nellen, könne «geprüft werden». So könnte, wer den bisherigen Text denn wirklich kennt, in Zukunft die neue alte Nationalhymne summen – und sich die wirklich heimatlichen Worte dazu denken.

Solch wirklich «heimatlichen» Worte sind nicht allein im Text der Schweizer Nationalhymne zu finden, sondern ebenso in den Hymnen anderer Länder: «Zu den Waffen, Bürger, schliesst die Reihen!», singen die Französinnen und Franzosen auch noch im Jahr 2004 – von Bürgerinnen ist nicht die Rede, von Französinnen nicht, vom Mutterland nicht –, und Ähnliches beschwören die Amerikanerinnen und Amerikaner in ihrer Hymne.

So stehen die Schweizerinnen und Schweizer im internationalen Vergleich für einmal nicht im Abseits. Wenn es um die Heimat geht, wird überall der liebe Gott zu Hilfe gezogen, werden in vielen Ländern Kanonen gestopft und Raketen gezündet; der Text des «Schweizerpsalms» nimmt sich da vergleichsweise harmlos aus.  Wenn von Heimat die Rede ist, geht es in den wenigsten Ländern um aktuelle Zukunftsperspektiven. Sondern um das Grosse und Schöne, um das Leuchtende, Gigantische. Selbst wenn dies in keiner Weise dem entsprechen sollte, was uns die Geschichte lehrt. Obwohl heute geliebt und gelobt, ist Heimat  für viele von gestern.

Iwan Raschle

1. Informationen zur Geschichte des «Schweizerpsalms»

November 1841: Der Urner Priester und Komponist Albert Zwyssig (1808-1854) probt mit vier Zuger Stadtbürgern zum ersten Mal seinen «Schweizerpsalm».

Bereits 1843 erschien das neue Lied im «Festheft der Zürcher Zofinger für die Feier der Aufnahme Zürichs 1351 in den Schweizerbund». (Der Zofingerverein ist die älteste schweizerische Verbindung von Studenten.) Im gleichen Jahr wurde es am Eidgenössischen Sängerfest in Zürich vorgetragen und vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Bei den Männerchören war der «Schweizerpsalm» schnell bekannt und beliebt. Dank Übersetzungen wurde er auch bald in der welschen und italienischsprachigen Schweiz gesungen. Das Lied umrahmte von nun an häufig Feiern zum Ruhm und zur Ehre des Vaterlandes.

Die zahlreichen Vorstösse zwischen 1894 und 1953, dieses Lied zur offiziell gültigen Nationalhymne zu erklären, lehnte der Bundesrat – die Schweizer Regierung – jedoch immer wieder ab. Die Begründung  für die Ablehnung: eine Nationalhymne solle nicht «von oben» durch die Regierung eingeführt, sondern vom Volk durch den regelmässigen Gebrauch frei gewählt werden.

Populärer als der «Schweizerpsalm» war das Lied «Rufst du, mein Vaterland». Es wurde in der Schule oft gesungen und häufig an politischen und militärischen Anlässen vorgetragen.

Rufst du, mein Vaterland
  1. Rufst du, mein Vaterland, Sieh’ uns mit Herz und Hand, all’ dir geweiht. Heil dir, Helvetia! hast noch der Söhne ja, wie sie Sankt Jakob sah, freudvoll zum Streit!
  2. Da, wo der Alpenkreis dich nicht zu schützen weiss, Wall dir von Gott - steh’n wir den Felsen gleich, nie vor Gefahren bleich, froh noch im Todesstreich, Schmerz uns ein Spott.
  3. Nährst uns so mild und treu, hegst uns so stark und frei, du Hochlandbrust! Sei denn im Feld der Not, wenn dir Verderben droht, Blut uns ein Morgenrot, Tagwerk der Lust.
  4. Frei und auf ewig frei, sei unser Feldgeschrei, hall’ unser Herz! Frei lebt wer sterben kann, frei wer die Heldenbahn steigt als ein Tell hinan, nie hinterwärts.
  5. Doch wo der Friede lacht nach der empörten Schlacht, drangvollem Spiel, o da, viel schöner, traun, fern von der Waffen Grau’n, Heimat, dein Glück zu bau’n winkt uns das Ziel!

Dieser Text wurde auf der englischen Hymnenmelodie «God save the King (Queen)» gesungen. Das führte im Laufe des 20. Jahrhunderts, als die internationalen Kontakte stark zunahmen, zu mitunter peinlichen Situationen. Beim Abspielen der Nationalhymnen Englands und der Schweiz tönten beide gleich!

1961 beschloss daher der Bundesrat, der «Schweizerpsalm», habe provisorisch als offizielle schweizerische Nationalhymne zu gelten, da er eine rein schweizerische und unverwechselbare Schöpfung sei. Nach dreijähriger Probezeit sprachen sich zwölf Kantone zugunsten des «Schweizerpsalms» aus, während sich sieben für eine verlängerte Probezeit einsetzten. Nicht weniger als sechs Kantone lehnten das Lied als Staatssymbol ab. Trotz des zwiespältigen Ergebnisses wurde 1965 die vorläufige Anerkennung des «Schweizerpsalms» als Nationalhymne bestätigt.                             

Das Provisorium liess der Bundesrat erst 10 Jahre später fallen. Doch sollte die Wahl einer neuen Hymne zu einem späteren Zeitpunkt möglich bleiben. In der Folgezeit gingen auch mehrere Vorschläge für einen neuen Nationalgesang beim Bundesrat ein. Dem «Schweizerpsalm» stand jedoch nach wie vor keine andere Komposition gegenüber, die auch nur annähernd so viele Stimmen auf sich vereinigen konnte. So erklärte denn schliesslich der Bundesrat am 1. April 1981 den «Schweizerpsalm» zur Nationalhymne der Eidgenossenschaft. Seine Begründung: Der Schweizerpsalm ist ein rein schweizerisches Lied, würdig und feierlich. So wünsche sich eine Grosszahl unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger eine Landeshymne.

2. Arbeitsvorschläge

Landeshymne bleibt

BERN – Auch künftig werden die Fussballer vor einem Match «Trittst im Morgenrot daher» singen. Der Bundesrat hat eine Motion*, die eine neue Landeshymne forderte, abgelehnt.

In einer Motion Anfang Mai 2004 beantragte die Berner SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen die bestehende Schweizer Landeshymne durch eine andere zu ersetzen. Schwulst und Pathos, die Gebetsartigkeit und dass in dem Lied nur Männer angesprochen werden, seien nicht mehr zeitgemäss.

In seiner Antwort schreibt aber der Bundesrat, dass der «Schweizerpsalm» dank seiner Bekanntheit eine würdige Nationalhymne sei. Für viele habe der pathetische und religiöse Charakter der Hymne ein identitätsstiftendes Moment.

Artikel vom 3. Mai 2004 / Quelle: Blick Online

(* Motion: Ein Mitglied oder mehrere Mitglieder des National- oder des Ständerates können vom Bundesrat zwingend verlangen, einen Gesetzesartikel oder einen Bundesbeschluss auszuarbeiten oder eine bestimmte Massnahme zu treffen.)

Beispiele aus Leserbriefen zur Motion von Nationalrätin Nellen Kiener

«Danke, Margret Kiener, für den Vorstoss für eine neue Landeshymne! Die alte ist nicht nur «Schwulst und Pathos des 19. Jahrhunderts», sondern schlicht peinlich, ungeniessbar, ja unerträglich. Lasst uns auch diesen alten Zopf endlich abschneiden.»

(A.R.)

«Abschied vom Morgenrot? Nein und nochmals Nein. Hier die neue Landeshymne: Ich liebe meine Schweiz / mit ihrem eignen Reiz/ im Morgenrot, / zum Mittagsbrot / und abends in der Beiz.»

(U.L.)

Arbeitsvorschläge:

Tipps:

Zur Zeit:– Die Zeitschrift zur politischen Bildung» | schulverlag blmv AG | Gueterstrasse 13 | 3008 Bern | Telefon 031 380 52 52 | www.schulverlag.ch | Redaktion: Bruno Bachmann, Susanne Gattiker, Christian Graf-Zumsteg, Iwan Raschle | Gestaltung: Iwan Raschle, www.raschlekranz.ch | XHTML strict 1.0 validiert | Letzte Aktualisierung: 24.11.2004 23:23